06 Januar 2009

Breaking news...

Die misanthropische Gertrud ist umgezogen!

02 Januar 2009

Dezent...

... kalt ist mir, die ich draußen stehe, um eine Zigarette zu genießen. Was man ja überdacht in Deutschland nicht mehr darf, jedenfalls nicht an Orten, wo sich so eine Art öffentliches Leben abspielen könnte. Versteh ich auch, ich beschwer mich gar nicht - vor allem heute nicht, im Gegenteil.

Es hat zu schneien begonnen und ich schaue verträumt den Flocken auf meinen Griffeln beim Schmelzen zu. Für solch kleine Wunder bin ich ja bekanntermaßen immer wieder dankbar, und richtig, auch diesmal verfehlen sie ihre Wirkung nicht. Ich lächle, als ich unter der Markise hervortrete und im Nu von dem weißem Zeug bedeckt bin, das einfach so von Himmel fällt. Wie wunderbar! Die Welt wird zugedeckt, das ganze grau-in-graue berliner Elend hält einen Moment den Atem an und taucht ab in ein feucht-kaltes Kleid aus Frostwassersternchen. Alles glitzert, wirkt wie frisch gestrichen, was für ein absurd verquerer Anblick! Aber vielleicht will die Natur sich nur selbst zum neuen Jahr eine kleine Freude machen, denke ich so für mich, vielleicht will sie einfach mal für ein paar Stunden die Jämmerlickeit auf diesem Flecken Erde nicht mehr sehen und zeitgleich der Menschheit eins auswischen - denn gleich beginnt der Berufsverkehr... "Splitter, klirr, kaputt!" (Zitat FSR)

31 Dezember 2008

...

- oder: Von Einer, die auszog, das Fürchten zu lernen. -

Wischmeyer geht auf Universumstour – und wir gehen mit! So einfach hatten wir uns das gedacht, mein Kumpel und ich. Eine typische Kneipenidee, fürwahr, denn hätten wir geahnt, was auf uns zukommt...

...hätten wir es trotzdem getan.

Bramsche, Bünde, Quelkhorn – wer diese drei Orte kennt und auf Anhieb sagen kann, wo sie liegen, kriegt nen Keks. Ich zumindest hatte noch von keinem von ihnen je gehört. Abenteuerland Niedersachsen! (Und, wie sich später herausstellte, auch NRW.) Vielen Dank an dieser Stelle schon mal ans FSR, den großen Gott Dietmar Wischmeyer und besonders an Harm Wörner, der auf Grund der ausgewachsenen Bescheuertheit dieser unserer Idee sofort erklärte, uns auf die Gästelisten der drei Spielorte zu setzen. Wohl vor allem deshalb, weil wir diesen Wahnsinn auch noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewältigen planten, was zu besorgten Nachfragen seitens der Verantwortlichen führte: „Und ihr wollt das echt durchziehen? Mit dem Öffi??“ Ja, wollten wir. Und haben wir tatsächlich getan, so zeitaufwändig und nervenraubend es auch war.

Los ging es für mich also morgens aus der brandenburgischen Provinz zunächst nach Berlin, dann nach Osnabrück und von dort nach Bramsche. Reine Fahrzeit: viereinhalb Stunden, durchsetzt von der sich ständig wiederholenden Frage „Was zum Henker MACH ich hier eigentlich?“ Diese Frage stellte sich auch mein Begleitherr, den ich nach einer Stunde bangem Warten im wunderbar passenden niedersächsischen Nieselregen in Empfang nehmen durfte. Gemeinsam wurde alles klarer – wir machten das hier schließlich um der heiligen FSR-Tradition Willen und mitnichten aus Spaß. Wir hatten eine Mission! Das leuchtete ein. Ähm. Uns zumindest.

Bramsche war in allem eine Offenbarung – wunderbare nette Menschen überall, eine zauberhafte kleine Stadt und vor allem ein Hotel, das allen Erwartungen Hohn sprach mit seinem Entgegenkommen und seinem urgemütlichen Charme. So ein grandioses Zimmer werde ich wohl nie wieder haben – knarrende Dielen, Raucherlaubnis, gemütliche Möbel aus den (gefühlt) 30er Jahren – und das Ganze inmitten der überwältigenden niedersächsischen Natur! Das war Liebe auf den ersten Blick, obwohl wir in einer irgendwie unwirklichen Parallelwelt waren, wo es hauptsächlich Bäume und Matsch in Hülle und Fülle gab. Mein Begleitherr schien völlig fasziniert von meiner hingebenden Freude, aber ich konnte nicht anders – ich genoss es von Herzen, sog jeden Blick, jede Sekunde in mich auf. Danke, Niedersachsen, danke, Bramsche! Auch das Universum-Kino (in dem die abendliche Lesung stattfand, die uns schließlich überhaupt erst hier her brachte), hatte es in sich: steinerne Göbelflecken im Foyer und Guinness vom Fass, ja, genau hier sollten wir sein.

Nach einer Nacht voll technischer Wunder (Ferni im Hotel neu einstellen und mit einem kleinen Zauberkasten live bloggen) ging es weiter über Osnabrück nach Bünde - natürlich mit obligatem Kniefall samt gemurmeltem "Wir sind unwürdig, wir sind unwürdig!" beim Halt in Melle (Wischmeyers Geburtsort). Womit wir wieder einmal bewiesen, dass wir fähig sind, jederzeit die Aufmerksamkeit unserer Mitreisenden zu erwecken... Ähm. Wo war ich? Ach ja, Bünde! Das liegt schon in NRW, liebe Kinder, also frei nach dem FSR noch hinter Mordor. Entsprechend fühlten wir uns auch, als wir dort aus dem Zug fielen. Verängstigt. Unsicher. Aber bei der Ankunft an unserer Pension verkündete ein riesiges Schild bereits, dass dort demnächst eine Oldie-Party mit DJ Dietmar [sic!] stattfinden würde. Als wir dann auf verschlungenen Pfaden zu unserem Zimmer geführt wurden, ging es noch vorbei an einer Horde unschuldig dreinblickender Prengel. Konnte das wahr sein? Ja! Auch hier waren wir also richtig, die Parallelwelt, die wir suchten, erstreckte sich tatsächlich bis hinter Mordor. Faszinierend!
Es folgte ein weiterer wunderbarer Abend in einem kleinen, abergläubischen Universum-Kino (es gibt dort die Reihen 12 und 14, aber keine Reihe 13 - die wurde dann extra für uns aus Klappstühlen aufgebaut) mit Herforder Pils und einer dezent hyperventilierenden Gertrud. Glücklicherweise hatten wir im Vorfeld bereits eine absolut fabelhafte Kneipe gefunden, die uns vor dem Auftritt mit Essbarem und hinterher mit reichlich Trinkbarem sowie einer seltsamen Musikauswahl versorgte, so dass ich beruhigt die abschließende abenteuerliche Fahrt durchs wilde Westfalen in unsere wiederum am Arsch der Welt liegende Pension antreten konnte...

...Fortsetzung folgt...



- Fortsetzung des Vorhergehenden. -

Aus dem geheimnisvollen NRW ging es dann am nächsten Tag wiederum über Osnabrück ins nicht weniger mysteriöse Quelkhorn. Unsere Info besagte, das liege irgendwo bei Bremen. Also sind wir konsequenterweise erstmal nach Bremen gefahren und haben dort einen verheißungsvoll wirkenden Bus bestiegen. Dessen Fahrer wusste zwar auch nicht, wo genau wir aussteigen müssen, aber wir hofften einfach mal das Beste und belustigten uns gegenseitig mit einem halbstündigen Feuerwerk aus Frieda-und-Anneliese-Zitaten.
Irgendwann hatte die Landschaft um uns herum ganz und gar nichts städtisches mehr an sich, das fühlte sich goldrichtig an, ergo stiegen wir aus und suchten unseren Hort des Vergnügens für den Abend - das Lokal "Bergwerk". Welches im Übrigen sehr zu empfehlen ist: nettes Personal, gutes Essen, Guinness vom Fass! *Werbung Ende*
Die Lesung im alten Kneipen-Saal war atmosphärisch die dichteste, weil es unfassbar voll war. Wann hab ich zuletzt Stehplätze bei einer Nicht-Musik-Veranstaltung gehabt? Noch nie. Doch hier habe ich es genossen, der letzte Abend der Tour war wie erwartet der Höhepunkt unserer Reise.

Da in Quelkhorn und Umgebung partout kein Zimmer aufzutreiben war, hatten wir uns auf eine lange und verdammt kalte Nacht in der Pampa eingestellt - doch unser Retter Harm Wörner bot an, uns zumindest bis nach Bremen zu bringen. Letztendlich kam es sogar noch besser: mein Begleitherr fuhr mit Harm nach Bremen und von dort in seinen Heimatort. Ich aber durfte es mir im Automobil des Meisters höchstpersönlich gemütlich machen und ließ mich äußerst komfortabel und mit sehr kurzweiliger Unterhaltung zu meinem besten Freund in die Nähe von Hannover chauffieren. Nicht, dass ich geistig auch nur annähernd auf der Höhe gewesen wäre währenddessen, neinnein, ich saß die meiste Zeit dämlich grinsend im Fond und wagte vor Ehrfurcht kaum zu atmen. Aber so erfüllte sich dann letztendlich noch mein Reisemotto: Ich lernte das Fürchten, wenns auch nur das Ehrfürchten war ;-).

Nun noch die unvermeidliche abschließende Lobhudelei:

mein besonderer Dank geht an
Harm Wörner - fürs beharrliche Unterstützen unserer Bescheuertheit, fürs Organisieren, Machen, Tun und alles andere.
Dietmar Wischmeyer - für drei wunderbare Abende, die mein Leben sehr bereichert haben, und fürs zur Verfügung stellen eines Plätzchens in seinem noblen Flaggschiff, welches mich bis vor die Haustür meines besten Freundes brachte.
Roman Wulf - für viele lustige Wortwechsel, jede Menge Spaß und das Fahren des Flaggschiffs.

Und zu guter Letzt: Mathias Segebade - mein Begleitherr und inzwischen auch guter Freund - für all das Lachen, Labern und Rumkaspern, für drei wunderbar weltferne FSR-Missions-Tage.


Darüber hinaus danke ich Wele dafür, dass er seit nun bald drei Jahren mein Privat-Ferkel ist und damit mein allgemeines Dasein ungemein verschönert. Unter anderem dadurch, dass er meinen FSR-Wahn nicht nur toleriert, sondern sogar vehement unterstützt. Ohne seinen Zuspruch hätte ich diesen irrsinnigen Trip niemals gemacht - und eine Menge versäumt. Lala-LALLA, ich lieb dich, du Dreck! ;-)

25 Dezember 2008

Wo...

...sind eigentlich alle?? Das Zwischennetz ist wie leergefegt, meine Kontaktliste bleibt komplett grau, Freunde gehen nicht ans Telefon und sogar der gruselige alte Mann, der mich immer um Zigaretten anschnorrt, schlürt nicht mehr vor dem Hotel auf der Straße herum. Überhaupt, die Straße! Man kann sie sehen! Der Stutti, sonst zugeparkt bis unters nicht vorhandene Dach, zeigt das irgendwie erschütternde Bild freien Parkraumes... Wenn man aus dem Bahnhof stolpert, fragt man sich unwillkürlich: "Was hier denn los??"

Doch meine werten Mitmenschen lassen mich mit ihrem penetranten Frohes-Fest-Gewünsche nicht lange im Unklaren, ach so, es ist ja Weihnachten. Feldfoschergemäß angepasst an meine Umgebung wünsche ich artig Frohsinn und gutes Rutschvermögen zurück und frage mich innerlich, was dran ist an diesem Event am Jahresende, dass es das ganze Land verändert... Es teilentvölkert ganze Großstädte, weil all die toughen Karrieremenschen brav zu Mami aufs Land fahren zur Bescherung und zum Bauch vollschlagen. Leute, die mir sonst das ganze Jahr über predigen, dass Gott ja wohl sowas von nietzsche-mäßig tot sei, eilen an mir vorbei zur Christmette. Alle haben sich lieb, oder sie tun zumindest so. Ich kann mir nicht helfen, irgendwie erscheint mir das dann doch dezent paradox.

Warum macht man an Weihnachten Dinge, die man das ganze Jahr über nicht tut? Oder andersherum gefragt, warum tut man die Dinge, die man vorgibt, an Weihnachten ach so gern zu machen, nicht auch mal irgendwann anders - einfach so? Oma besuchen, mit dem Onkel einen Spaziergang machen, mit den Neffen spielen, bei Muttern zum Sonntagsbraten erscheinen, wo sie doch am Telefon schon immer so sehnsuchtsvoll fragt... Der kollektive Ausbruch von Familiensinn zu Weihnachten ist mir unheimlich. Wer einen kalendarischen Anlass braucht, um nett zur Blutsverwandtschaft zu sein, der kann sich den ganzen Schmus eigentlich auch gleich sparen. Drei Tage Frohsinn und Harmonie heucheln, auch wenn mir gar nicht danach ist - das wäre mir persönlich schlicht zu anstrengend. Also hab ich einfach alle gern, die mir irgendwie nahestehen: Freunde, Verwandte, Kollegen. Und zwar immer, nicht nur, wenn der Jahreslauf es vorgibt.

Frohes Fest allerseits! (ohne jede Ironie gesprochen :-) )

24 Dezember 2008

Weihnachtsmorgen!

Wo Andere beschwingt mit Glöckchengebimmel, Geschenkpapiergeraschel und Rumgeherze an Verwandten und Bekannten sich auf die heilige Nacht vorbereiten, schleiche ich in diesem Jahr völlig allein durchs Revier; ein selbstgewähltes Weihnachtsverweigerungsenklave zwischen viel Arbeit und wenig Schlaf. So weit, so wohltuend.

Wäre da nicht Mutter Natur - sie weigerte sich, mich unbeschenkt in diesen Tag gehen zu lassen und gewährte mir binnen weniger Minuten ein paar wunderbare Momente: zwei friedlich im letzten Hauch Dämmerung äsende Ricken, ein tief und träge über mir segelnder Graureiher, ein schreiender Busch (in dem es vor Spatzen nur so wimmelte), zu Hause wartete schon mit schief gelegten Köpfchen und dem üblichen Gezeter meine Meisenmeute... Ja, ich habe mich richtig entschieden, die Einsamkeit tut mir gut. Lasst die Menschen dort draußen ruhig ihr kommerzverseuchtes Fest feiern, das herzlich wenig von seinem ursprünglichen Sinn bewahren konnte und an dem eigentlich nur noch die Kinder eine ehrliche, ehrfürchtige Freude haben. Gertrud hingegen genießt die winterlichen Morgenstunden mit ihren stillen, bezaubernden Augenblicken ohne Gebimmel und Gefunzel...

16 Dezember 2008

Lichterketten...

...sind vom Teufel. Jawohl.

Der ganzen Welt geht der Arsch auf Grundeis wegen drohendem Klimakuddelmuddel, es gibt Konferenzen, Verträge und griesgrämig dreinschauende Menschen in schlecht sitzenden Anzügen, die sich mit nichts anderem als diesem nahen Weltuntergang beschäftigen - und was macht der Normdeutsche?

Ab Mitte November, spätestens aber ab dem ersten Advent, funzelt halb Deutschland hysterisch blinkend und völlig sinnentleert vor sich hin. Die EU will aus Klimaschutzgründen die Glühbirnen verbieten und nur noch Energiesparlampen zulassen, aber hier im Land der Grenzdebilen - wo man sich zum Lachen entweder Uniformen anzieht oder gleich in den Keller geht - wird Fröhlichkeit mit schreibuntem Plastikschrott simuliert. Dieser wird schubkarrenweise in die Vorgärten gekippt und darf sodann acht Wochen lang den teuren Strom verkonsumieren, den Freund Halbidiot sich das Jahr über vom Munde abgespart hat. Geht es eigentlich noch dämlicher?

Ja, erstaunlicherweise geht das - man schaue über den großen Teich ins Land, wo Klimaschutz egal ist, weil man ja alle Ressourcen der Welt zu jeder beliebigen Zeit mal eben per Krieg an sich raffen kann, was kost' die Welt, wir sind the land of the free! Nicht einmal die weltweite Finanzkrise - die immerhin in den USA ihren Anfang nahm - scheint dem großzügigen Verschwenden von Energie Einhalt zu gebieten, denn auch in diesem Jahr gibt es schon die ersten "Christmas Lights Gone Wild"-Clips auf youtube zu sehen, wie diesen hier (Vorsicht, akute Augenzerrungsgefahr!!).

Zugegeben, die Musik ist schmissig, aber man rechne einmal die Stromkosten all der blöden Schweine hoch, deren ähnliche Videos man im Zwischennetz findet und überlege sich anschließend, wie vielen Menschen, Tieren und Pflanzen, die nicht so einen Scheiß veranstalten, man mit diesem Geld hätte helfen können. Wenn derartiger Wahnsinn sich auch in Deutschland durchsetzen sollte (und wir sind auf dem Weg dahin!), dann wandere ich aus. Versprochen. Vielleicht sollte ich mir schon mal überlegen, wohin...

01 Dezember 2008

Schönheit...

...liegt ja immer im Auge des Betrachters. Man betrachte also Folgendes:

Nach vierzig Minuten langweiliger Bahnfahrt durch Dämmerung, triste Städtchen und unspektakulären Nutzwald schießt der Zug aus letzterem mitten hinein in die Leere der märkischen Heide - und ich klebe staunend wie ein kleines Kind am Fenster. Mit weit aufgerissenen Augen sauge ich gierig das märchenhafte Bild in mich hinein, das sich mir heut Morgen ein wenig schamhaft darbietet.

Rauhreif liegt über der Weite dort draußen, wie mit Puderzucker bestäubt liegt die Landschaft ruhig und friedlich da, schlafend - träumend? Zarte Schwaden morgendlichen Nebels schleichen Hand in Hand übers Feld, als würden Feen einen bedächtigen Reigen zum Lobe der Natur tanzen. Ganz in der Ferne, fast wie am anderen Ende dieser eisigen weißen Welt, zeigt sich schüchtern ein zaghafter Streif Morgenrot und dem Gesamtbild wohnt eine umwerfende Sanftheit inne, die mir die Knie weich werden lässt...

Ja, zugegeben, solche Momente machen mich zur sentimentalen ollen Humpel und treiben mir gelegentlich sogar die Tränen in die Augen, weil ihre Schönheit mich überwältigt - aber das ist gut so. Denn sie erinnern mich daran, dass nicht alles auf der Welt schlecht, beschissen und per se sinnlos ist. Es gibt mehr da draußen als unsere Alltagssorgen, mehr als nur Ärger, mehr als nervige Mitauferdenwandler, mehr als... Schlicht mehr als all das, was uns täglich die Laune vermiest.

Diese Welt IST wunderschön.

Man muss nur hinsehen...

27 November 2008

"Ja wie jetzt, 'Piep!'?...

...Was denn los?" - fragte ich heute früh allen Ernstes einen frechen berliner Spatzen, der direkt vor mir landete, mich schief ansah und dann seinen Schrei loslies. Eine Antwort erwartete ich natürlich nicht, ich bin ja nicht bescheuert, aber an dieser Stelle muss einmal offen bekannt werden: Ja, ich rede mit Tieren. Und zwar oftmals lieber als mit Menschen.

Warum?

Weil Tiere nicht von Natur aus miesepetrige Sackgesichter sind und ihre Zuhörfähigkeit der des Durchschnittsmitmenschen in nichts nachsteht. Warum also soll ich mich von einem Menschen ignorieren lassen, wenn das auch ein Straßenspatz oder - besonders gut - die gewöhnliche Hauskatze schafft? Letztere paart das Ignorieren auch noch derart vortrefflich mit herablassenden Blicken, dass man sich fühlt wie auf einer Behörde seiner Wahl. Vor allem haben Tiere den Vorteil, dass sie in den seltensten Fällen zurücktexten. Die Fauna kommuniziert anders, ohne umständliches Geschwafel, ohne Floskeln, ohne falsches Grinsen und ohne Stinkefinger zeigen, wenn der Gesprächspartner mal kurz wegsieht.

Daher betrete ich meinen Hof morgens nach dem Dienst mit einem lauten "Guten Morgen, Jungs!", damit die Vögel an ihrem Büffet schon mal vorgewarnt sind. Bin ich an ihrem Futterplatz vorbei, muss ich still in mich hineinlächeln beim Aufschließen der Haustür - die ganze Bande sitzt zehn Meter weiter im Apfelbaum und wartet darauf, dass ich meinen Arsch von der Bildfläche schiebe. Diesem Verlangen wird durch kräftiges Gezeter Nachdruck verliehen, sie schreien mich regelrecht ins Haus. DAS ist eine direkte, ehrliche Ansage! Zumindest bilde ich mir das gerne ein, wenn ich dann am Fenster stehe und die eben noch keifenden Federträger langsam zurückkehren in ihren Imbiss.

Wieder eine Nacht geschafft, wieder eine herzerfrischende Begrüßung erfahren beim Nachhausekommen. Danke, meine kleinen Freunde, you've made my day!

20 November 2008

Leise...

...schleiche ich mich an die Großstadttränke der Wildtiere. Ich habe läuten hören, seltene Individuen aus dem europäischen Ausland seien dort zu Gast. Normalerweise treffen sich an der Tränke Fräulein Großstadtzippe und ihr Begleiter, Freund Angeberhahn, mit den alten vierberäderten Schachbrett-Ibissen, doch heute ist alles anders! Denn sie ist da, die britische Rundlederschreidrossel.

Ungewöhnlich lebhaft geht es zu, die Lautstärke, die ungeheure Menge des labenden Nasses, der Klang fremder Zungen hüllt mich ein und nimmt mich mit auf eine Reise über die Nordsee ins Land, wo die Zitronen wohl nur im Gewächshaus blühen.

Interessant ist es, das Artverhalten der kleinen Racker von außen zu beobachten. Sie lassen sich in Gruppen nieder und schnabulieren gemeinsam vom kühlen Tranke. Zwei aufgeregt sich plusternde Einheimische hüpfen zwischen den Grüppchen herum, bieten diensteifrig mehr Flüssiges an und bringen es den immer fröhlicher werdenden Drosseln. Diese beginnen nun so langsam, ihrem Namen alle Ehre zu machen: Ein Geschrei hebt an, wie man es so in Deutschland wohl sonst kaum hört. Da sind wir von der inländischen Art der Rundlederschreidrossel anderes gewöhnt, genau so laut zwar, aber kürzer und weniger meldodisch. So ist die britische Unterart eine schöne Abwechselung im Einheitsbrei der immer gleichen und uns gut bekannten Heimatfauna. Da sie sich allerdings hier nur zur Rast aufhält, nicht zum längeren Verweilen, macht sich nach einigen Stunden Aufbruchsstimmung breit.

Doch was ist das? Die sich nach und nach Erhebenden scheinen das Liquid der Erbauung nicht vertragen zu haben, sie stolpern, wanken, knicken ein! Kaum, dass sie in der Lage sind, die Tränke zu verlassen, geschweige denn, sich jubilierend in die Lüfte zu erheben! Ein trauriger Anblick, wie sie langsam schlurfend in die Nacht davontorkeln...



England schlug Deutschland gestern in der WM-Qualifikation 2:1. Aber die Rache ist unser - Schädelfraß vom guten deutschen Bier gibts geschenkt am nächsten Morgen, doppelte Portion. Besucht uns doch bald mal wieder!

02 November 2008

Nebel...

...ist Zuckerwatte für die Seele. Alles ist leiser, friedlicher, erträglicher. Da man nur 20 Meter Sicht hat, werden auch altbekannte Wege wieder spannend, weil man sie mal mit anderen Augen sieht. Gedämpfter - und zugleich schärfer im Detail. Wenn es hier im feuchtkalten Mittel-bis-gefühlt-Nord-Europa überhaupt noch etwas irgendwie Magisches gibt, dann ist es eine Landschaft, in der sich ein Rudel Wolken verlaufen zu haben scheint.

Alles Grässliche verschwindet in ihnen, die doofe Zivilisation hält endlich mal ihre große Fresse und schweigt beklommen vor sich hin im Angesicht der sanften, überwältigenden Macht der Naturgewalt. Ich möchte bei diesem Wetter weder ein Auto noch ein Schiff steuern müssen, aber spazieren gehen könnte ich stundenlang, im Nebel bietet selbst der triste märkische Nutzwald kleine Wunder dar. Das selbstvergessen sich zankende Eichelhäherpaar - der Buntspecht, der wütend auf eine Kiefer eindrischt, um dieser sein Frühstück zu entlocken - der Schwarm Spatzen, der mich, den Eindringling, neugierig begleitet - die schimpfenden Kohlmeisen, die ich allenthalben aufscheuche...

Ja, manchmal finde selbst ich das Leben irgendwie schön.

Doch wie alles Gute und Schöne hat auch dies hier ein Ende, schon lichtet sich die weiße Zartheit und gibt den Blick wieder frei auf das bisher so gnädig verhüllte Elend der Welt, auf ihre Menschen, ihren Lärm. Da gehen wir doch lieber schnell nach Hause und schlagen ein weiteres Mal der ganzen Scheiße einfach die Tür vor der Nase zu.

30 Oktober 2008

Scheiße drauf sein im Herbst...

...ist mein persönlicher Lieblings-Sendungs-Titel des Frühstyxradios. Wie ich jetzt darauf komme? Tja, ich hatte Nachtdienst (mal wieder) und war daher eh schon von der Menschheit im allgemeinen und dem sie umgebenden Wetter im besonderen arg enttäuscht. Also nach dem Dienst schnell rüber in den Bahnhof, und...

Im Fahrstuhl träumt (hoffentlich selig) ein Penner im Schlafsack. Nun gut, lassen wir ihn in Ruhe und stolpern mit den letzten noch aufzubringenden Koordinationsfähigkeiten die angrenzende Treppe zum Bahnsteig 4 hinauf. Quizfrage: Es ist scheißenkalt, dreckswindig und geradezu unverschämt nass von ganz oben her, was haben wir hier? - Richtig, den deutschen Herbst!

Er passt so unglaublich gut zu diesem Land, dass ich Freudentränen vergösse, wenn ich das könnte. Kalt, abweisend und nervend, so ist der deutsche Mensch im Allgemeinen – und ja, ich kann mitreden, ich arbeite seit zwei Jahren in einem Hotel. Dietmar Wischmeyer prägte einst den Begriff „Nieselregenfressen“, nie schien er mir angebrachter als heute am Morgen in der City West. Ausnahmslos jeder guckte, als hätte ihm nicht nur das Schicksal in den Kaffee gerotzt, sondern zusätzlich auch noch die ganze Welt sich gegen ihn verschworen. Das ist ja irgendwie der Normalzustand des Menschen, doch nur am Anfang des Herbstes sieht man ihn so unverhohlen. Alles und jeder wird nur noch scheiße gefunden: das Wetter, der Fahrplan, die Mitreisenden sowieso.

Aber kann man nicht dem Herbst auch schöne Seiten abringen? Der ganze grüne Kram an den Bäumen färbt sich kunterbunt und geht dann kaputt, es sind nicht mehr so viele Leute auf der Straße unterwegs, der Regen entartet die Plusterfrisuren der Fönwellenmenschen... Alles schön und gut! Wenn, ja wenn man nicht auch selbst direkt vom Herbst betroffen wäre - man friert, man wird nass, man flucht. Und der Rest der Welt nervt einen noch mehr als sowieso schon von Haus aus... Zitat: Was sind wir heute wieder depressiv! (Dietmar Wischmeyer)

27 Oktober 2008

Post-Nachtdienst-Fragen

Wenn ich aus dem Nachtdienst komme, bin ich normalerweise scheiße drauf. Manchmal aber auch nicht - so wie heute.

Heut war philosophischer Grübelfeierabend!

Thema: Was ist hier eigentlich los und warum tut nicht mal jemand was dagegen? Anlass: Die Stromgeberleitplanken (oder wie auch immer der Scheiß heißt) der Berliner S-Bahn. Oder vielmehr die Dinger, an denen selbige befestigt sind. Besagte Teile stammen, dem Aufdruck nach, von der Firma Rehau. Sicher eine prima Firma, nix gegen zu sagen!

Resultierende Frage im Gertrud-Hirn (wie schon so oft): Wie zum heiligen Bahnhofsunterführungsbeleuchtungsschaltplan spricht man das korrekt aus? Wie Re-hau, quasi eine Aufforderung zum zurück-hauen? Oder eher wie Reh-au, Bambi is kaputt und tut nich mehr? Fragen über Fragen morgens um 8 in Berlin Charlottenburg…

(…aber jetzt fix rein in den Zug nach Hause, ehe ich noch beginne, meine Person hauen zu wollende Rehe zu halluzinieren…)

Euch allen da draußen einen geruhsamen Tag! Gertrud geht schlafen…

PS: Warum riecht es in Bahnhofsaufzügen eigentlich immer so, als wäre dort kürzlich etwas - oder gar jemand! - dem höchst wandlerischen Schaffen der allgegenwärtigen Verwesungskräfte überantwortet worden?

18 September 2007

Dienstag, 18.09.2007, ca. 7:00 Uhr morgens

Leicht missmutig entsteige ich der Regionalbahn auf einem kleinen Bahnhof in einem winzigen Ort, an dem ich das eigentlich gar nicht will. Und strebe nun dem Haus zu, in dem zufälligerweise mein Bett steht.

Ich will hier nicht sein - ich will zurück in die wunderbare Berliner Nacht, die mich so redselig machte und mich andere redselig machen ließ. Die mich mit einem wohlig warmen Händedruck und einer burschikosen Umarmung entließ, hinaus in einen Morgen, der nun wahrlich nichts Schönes zu bieten hat. Nur die Provinz.

Auf dem Weg zu meiner Schlafstatt komme ich an der Bushaltestelle vorbei, von der aus ich das schwere Los hatte, in die Kreisstadt zur höheren Schule fahren zu müssen – mitten in der Nacht. Heut morgen stehen dort meine Nachfolger.

Ihr Tag beginnt - was mag er bringen?

Mein Tag endet hier fürs erste.

Was habe ich es doch besser als sie...

Irgendwie fühl ich mich ausgebrandenburgt.

24 August 2007

Morgendliche Erheiterung

Der Dorfsupermarkt an sich kann ja schon Horror sein, siehe „Die Hinterland-Drachen“ weiter unten. Da turnen annähernd den ganzen Tag irgendwelche älteren Herrschaften rum, weil sie eben sonst keine Trashcommunity, pardon, Tratschbörse mehr haben im gemeindegebietsreformierten Brachland jenseits der Hauptstadt. Gut, man kennt das und umkurvt dank jahrelanger Übung geschickt den Gerontenparcours. Aber das ist ja nicht das einzige Grauen, was einem im Aunt-Emma-Shop des 21. Jahrhunderts begegnet! Neinnein!

Da gibt es auch noch die Plage der jungen Mütter, die alles richtig machen wollen und daher mit ihren Blagen zu diskutieren versuchen. Eine solche samt ihrem quietschfidelen Nachwuchs lief mir gerade über den Weg. Man möge mir verzeihen, dass ich mich vehement auf die Seite des Sprösslings schlage, der folgende Dialog erhellt vermutlich das Zustandekommen dieser meiner Parteinahme...


Dramatis Personae:

Sie – Ende 20

Er – ca. 5


Sie: „Na, Pascal (Name aus Mitleid geändert, das Original war noch arger dem Kevinismus entlehnt), was möchtest du denn heute zum Mittag essen?“

Er: „Brötchen mit Schokocreme!“

Leicht genervtes Lächeln seitens der Erziehungsberechtigten.

Sie: „Aber Pascal (durch Wiederholung wird der Name nicht schöner...), man kann doch keine Brötchen mit Schokocreme zum Mittag essen! Such dir was anderes aus.“

Der so grausam benamste Knabe grübelt einen Moment.

Er: „Schokocreme ohne Brötchen!!“

Der Kleine strahlt ob seiner Schläue, die Mutter verdreht die Augen, die Erzählerin kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Sie: „ Nein, es muss was ohne Schokolade sein, Pascal!“

Wenn ich diesen Namen noch einmal hören muss, werde ich stante pede wahnsinnig – und der Jüngling offensichtlich auch, die Mundwinkel verziehen sich zitternd schon gefährlich in Richtung Erdmittelpunkt...

Doch da hält er noch einmal inne und bedenkt seine Zuchtmeisterin mit dem wissendsten Blick, den ich je sehen durfte, um die einzig relevanten Worte dieser Szene zu sprechen, mit vorwurfsvoller, tränenbebender Stimme:

„Warum fragst du mich denn dann überhaupt??“

Nobelpreisverdächtig, der Bursche, Hut ab!

08 August 2007

Der Diät-Tipp des Jahres

Ihr Lieben da draußen, wenn Euch mal wieder der kleine Hunger plagt, schaut Euch eine Chartshow an! Egal ob von Sat7ProRTL1 oder im Öffi, es wird einem IMMER schlecht. Zuverlässiger lässt sich der eigene Würgreiz kaum stimulieren.

Letzte Nacht kam ich in den zweifelhaften Genuss einer Wiederholung der so circa 2004 erstgesendeten „100 nervigsten Sommerhits“, allein der Titel der Sendung hätte einen Platz in ihrer eigenen Top Ten verdient. Das Ganze funktioniert auf allen Sendern nach dem gleichen Prinzip: man setze drei Dutzend halbprominente Dummdödel in eine Bluebox, spiele ihnen schlechte Musik vor und lasse sie labern, was das Hirn hergibt. Oder eben nicht hergibt. Die Musik ist egal, die Leute sind noch egaler, Hauptsache alles schön bunt und vor allem laut. Im gestrigen Grauen gab es nur einen Lichtblick – Mirja Boes. Die auch als Stimmungssängerin „Möhre“ auftretende schlagfertige, intelligente Blondine hat mir doch tatsächlich den Abend gerettet. Sie kam mit ihrem Mallorca-Hit „Das sind nicht 20 Zentimeter“ im übrigen auf Platz 11, ein schöner, ähm, Erfolg wäre jetzt doch übertrieben...

Nun mal zu den Details des Abends: Die Musik war wie zu erwarten belanglos, man hatte natürlich alles schon mal gehört, bei vielem war fraglich, ob das überhaupt in die massiv aufgepfropft wirkende Kategorie Sommerhits passte. Aber egal, es war ja bunt und laut und wenigstens kam das Wort Sonne in verschiedenen Sprachen in jedem Lied ein, zweimal vor, es wurde viel an Stränden rumgehüpft, das reicht ja dann auch. Die Auswahl war so langweilig und vorhersehbar, dass sie nur von den Kommentaren des Panels und dem Moderator Ingolf Lück unterboten wurde – der Mann braucht entweder dringend ein Hörgerät oder eine Stimmband-OP, vielleicht hört er dann auf mit der ständigen Schreierei.

Abgesehen davon, dass mir das gesamte Konzept dieser Hitlisten-Shows komplett schleierhaft ist (was soll sowas überhaupt?), war ich mit Platz 27 absolut nicht einverstanden – Tom Jones und Sexbomb waren für mich der einzig sinnige Titel im Feld. Ficken rules! Das ist doch die Kernaussage jeden Sommerhits, ob Rap oder Schlager, oder verstehe ich da was grundlegend falsch?

Nach zweieinhalb Stunden (ja, ich bin ausdauernd und leidensfähig) kann ich nicht behaupten, dass diese grob geschätzt 10millionste Trallafiti-Musiksendung mir irgendwelche neuen Erkenntnisse gebracht hätte. Eher im Gegenteil, die Songs fand ich alle doof – keine Überraschung – und die Präsentation war auch erwartungsgemäß unterirdisch. Grottig trifft es wohl am besten, wenn man mich nach meinem Gesamteindruck fragt. Auf jeden Fall hatte ich danach keinerlei Appetit mehr, das zumindest scheint mir ein Vorteil dieses Formates zu sein.

Was bleibt also? Ach ja, die Nummer 1 nachzureichen: Dragostea Din Tei von O-Zone. Gab’s das nicht auch von Haiduci? Und von Oliver Kalkofe? Na ja, scheißegal, im Endeffekt auch nicht mieser als der Rest...

05 August 2007

Eine leider wirklich wahre Geschichte

Gestern Abend im studentischen Automobilersatz – der Regionalbahn: Ich, auf dem Weg zur Maloche. Eh schon nur mäßig gut gelaunt ob der Aussicht auf zehn Stunden Frohndienst begegnete mir dann das Grauen auf insgesamt acht Beinen.

Diese waren verteilt auf drei fahrradschiebende, birkenstockbeschuhte, batikbehängte, nickelbebrillte Extremendzwanzigerinnen und dem von ihnen mitgeführten Professor für Pädagogik. Dass es sich um einen solchen handelte, war eigentlich auf den ersten Blick am abgewetzten Cordanzug, dem Vollbart und der auch von ihm getragenen obligaten Nickelbrille zu erkennen; letzte Gewissheit stellte sich jedoch ein nach den ersten Halbsätzen, die sich von der Horde zu mir rüber hangelten.

Mein bis zur Lähmung entsetztes Hirn war zunächst konfrontiert mit der schier absurd scheinenden Wortkombination „Ernährungswissenschaften auf Lehramt“ - und erkannte dann resignierend, dass es sich dabei tatsächlich um einen zumindest auf dem Papier anerkannten Studiengang handeln musste, dem diese Wesen alle angehörten. Um diese Erkenntnis loszuwerden schüttelte ich den Kopf und versuchte, mich wieder auf meinen Krimi zu konzentrieren. Wozu fährt man schließlich Bahn, wenn nicht zum Lesen! Allein, es half nichts. Das Salbadern war zu laut und zu abstrus, als dass man sich ihm hätte entziehen können.

Um die Ungeheuerlichkeit des nun Folgenden angemessen zu würdigen, muss ich betonen, dass wir uns auf dem Weg von Potsdam nach Berlin befanden und es sich hier um eine leider viel zu häufig vorkommende Spezies Mensch (oder so was ähnliches) handelte: fränkische (schwäbische, bayrische, beliebig fortzusetzen...) Oberschülerinnen mit gutem Abitur und schon mindestens einer abgeschlossener Ausbildung sowie einem bereits abgebrochenen Studium, die es nun noch einmal wissen wollen und sich mittlerweile massenhaft in der Hauptstadt ablagern – allerdings nur zum wohnen und was die so leben nennen. Studiert wird natürlich in Potsdam. Aber nicht, weil es dort schöner ist (ein im Übrigen völlig zutreffendes Argument), sondern weil man sie an den Berliner Unis nicht haben wollte. Dabei wäre ersteres ein wesentlich besserer, weil weit weniger peinlicher Grund.

Und dieses elendig alternative Zeckenpack wagte es doch jetzt, sich unisono über die Lebensbedingungen in Berlin bei einander zu beschweren! Ein Einheimischer hätte nur lax mit den Schultern gezuckt ob der „Unverschämtheiten“, die den gestandenen Weibsbildern allenthalben entgegengebracht, ja sogar beinahe täglich zugemutet wurden.

Da wird man beim Bäcker mit einem frischen, direkten „Tach. Watt wolln’se?“ begrüßt, in Berlin eine höfliche Anrede, von Schwaben unergründlicherweise als Angriff verstanden. Und wer immer noch nicht verinnerlicht hat, dass man in der U-Bahn keine Fahrräder mit in den ersten Wagen nehmen darf, dem wird es mit typischem Berliner Charme über den Lautsprecher extra noch einmal markant-freundlich mitgeteilt: „Sofort raus da! Keene Fahrräder in’n ersten Waagn, is det klar?!?“. Auf Anfrage nach dem Weg oder auch nur der Uhrzeit bekäme man lediglich die Antwort „Hä?? Watt?“, immerhin doch das meistgebrauchte deutsche Fragewort, und auch noch gepaart mit einer liebenswürdigen Nachfrage! Auch „Vafatz dir!“ als galanten Hinweis darauf, dass man im Weg steht, wurde seitens der Südländerinnen offensichtlich völlig missinterpretiert. Und überhaupt sei alles so kalt und unmenschlich in Berlin, das wäre eine Zumutung...

Ja, Mädels, dann geht doch wieder heim in eure Kuschelzonen jenseits des Weißwurstäquators!

Berlin ist hart, aber fair. Da bekommt man schon mal ein „Du siehst scheiße aus, vapiss dir!“ in der Kneipe an den Kopf geworfen. Berlin ist das größte Dorf der Welt, und wer sich nicht in die Dorfgemeinschaft einzufühlen vermag, der hat einen schweren Stand. Er wird nie den Tonfall der Leute verstehen, die dieses Dorf von Natur aus bewohnen. Und die es inzwischen mit immer mehr Zugereisten aus anderen Weltteilen (Köln, München, Stuttgart...) aushalten müssen. Niemand passt sich mehr an, jeder bringt seine eigene doofe kleine "Szene" mit und müllt damit die Gegend zu. Widerlich. Lang lebe Berlin und sein ehrlicher, herber Charme!

30 November 2005

RTL, PunktWasweißichdennwiespätesgeradeist

Mal ehrlich, was soll der Scheiß? „Infotainment“, eine der unsinnigsten Wortschöpfungen der Neuzeit, soll zeitgleich informieren und unterhalten. Ha, ha, selten so gelacht. Der bessere Titel wäre wohl „Hausfrauen-TV“, denn um nichts anderes handelt es sich hier.

Da werden mit, schmunzel, ernster Miene so genannte Nachrichten vorgelesen, die den Informationswert einer Schachtel Müsli nicht überschreiten, und wenn dieser Pflichtteil überstanden ist, dann geht es in die Welt der wirklich wichtigen Themen: Wer macht mit wem rum in den Gefilden der C- bis F-Promis, welcher Chirurg vergrößert mir am günstigsten die Titten und wie lauten die Ortstemperaturen auf dem Brocken oder der Zugspitze? Gähn!

Unterbrochen wird dieses sinnfreie Sich-um-den-Verstand-labern der angeblichen „Moderatoren“ und „Reporter“ von vorabendprogrammtypischer Werbung: Welche Binde ist am wenigsten zu spüren, welches Diätpulver wirkt garantiert am besten, wer führt die Top 10 der Treppenlift-Charts an und was dergleichen lebenswichtiger Dinge mehr sind.

Warum dürfen solche verbrecherisch uninteressanten Sendungen über den Äther gehen und warum sendet man nicht einfach stattdessen das gute, alte Testbild? Da stimmt wenigstens die Uhrzeit und man muß sich nicht mehr davor fürchten, beim Zappen in die Mühlen des privatsenderinterpretierten „Journalismus“ zu geraten...

23 September 2005

Die Hinterland-Drachen

Wenn irgendwann einmal Außerirdische diese unsere kugelige Erde besetzen, was werden sie finden?

Nun, hier im Hinterland hauptsächlich uralte Drachen, die von Dorftratsch und Volksmusiksendungen leben.

Es ist durchaus faszinierend, die Drachenweibchen in ihrem natürlichen Lebensraum, dem Supermarkt, zu beobachten. Belauscht man ihre Schwafelei, so erlebt man die Renaissance des Hörensagens: der Schwager des Freundes der Schwester des Mannes von... Ehrlich, ich habe keine Ahnung, wozu dieser an sich sinnfreie Austausch von Satzfragmenten nütze ist. Doch der Forschergeist in mir vermutet, dass es sich hier um eine lebenserhaltende Maßnahme handeln muss. Wahrscheinlich sammeln sich über Nacht jede Menge Worte im Kopf der Drachen an, und am nächsten Morgen muss dieses Depot dann erst einmal geleert werden, um neue Nachrichten aufnehmen zu können. Zum Beispiel die, dass der Vetter des Bekannten des Schwagers der Nachbarin...und so weiter.

Während also die Drachenweibchen morgens ihre Köpfe mit Geschwätz vor dem Platzen retten und dem Informations- und Warenumschlagplatz regen Umsatz bescheren, was tun ihre Männchen?

Sie schlurfen bedächtig durchs Dorf, auf der Suche nach anderen Drachenmännchen, um sich mit ihnen in den klassischen Disziplinen der maskulinen Drachenwelt zu messen: „Fahrrad schieben“, „Straße kehren“, „über die Regierung schimpfen“ (übrigens völlig unabhängig davon, wer gerade regiert) und „wer hat den coolsten Cordhut auf“. Sind diese und andere wichtigen Fragen wie „wer zahlt heut' eigentlich den Frühschoppen“ geklärt, geht es ab ins männliche Gedankenaustausch-Etablissement, die so genannte Bahnhofskneipe. Da sitzen sie dann, schimpfen wahlweise weiter über die Regierung oder ihre Weibchen und trinken Bier bis es gegen Mittag Zeit ist, in die heimische Höhle zu schlurfen und gemeinsam mit dem Weibchen diverse Lebensmittel zu verzehren sowie die frisch erworbenen Neuigkeiten auszutauschen.

Anschließend begeben sich beide wieder in ihre Wirkungsbereich und verbreiten die soeben empfangenen „Hot News“ aus dem andersgeschlechtlichen Lager in der eigenen Abteilung bis es dunkel wird. Dann schließen die Info-Börsen und die Drachen gehen nach Hause, um die Dunkelheit mit lustigem Fernsehgeflacker zu vertreiben, die Stille mit launiger Volksmusik zu bekämpfen und sich die leergequasselten Köpfe mit neuem Unsinn zu füllen. Derart umfassend beschallt legen sie sich hin, verarbeiten all das überflüssige Gesabbel des Tages im Schlaf und stehen am nächsten Morgen gut erholt auf, um ihr Tagwerk zu beginnen.

„Hast du eigentlich schon gehört, dass...“

Bis in alle Ewigkeit.